Feierliche Übergabe der Abiturzeugnisse

Unter dem rhythmischen Klatschen des Publikums zur Musik betreten die diesjährigen Abiturientinnen und Abiturienten nacheinander die Halle. Farbenfroh und festlich gekleidet bleiben sie kurz am Rand stehen, ehe sie ihre Einzugschoreographie mit dem Gang zum jeweiligen Sitzplatz beschließen. Jede und jeder ist in Begleitung von maximal zwei Personen und findet entsprechend Platz in einem aus drei Stühlen bestehenden Ensemble. Aufgrund der geltenden Einschränkungen wird sich der eben und im Folgenden geschilderte Ablauf zu späterem Zeitpunkt des Abends wiederholen, denn lediglich die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen mit Begleitpersonen findet jeweils Platz in der Halle. Luftballons zieren die Seitenwände, für alle gut sichtbar ist eine große Leinwand vorne aufgestellt, deren Schriftzug verkündet: „Abifeier 2020 am LMG“. Streng genommen, so korrigiert Schulleiterin Elke Engelmann, sei es keine Feier, sondern eine feierliche Zeugnisübergabe, da ersteres derzeit noch nicht gestattet sei. Dass sich Abiturientinnen und Abiturienten mit Familienangehörigen sowie Lehrkräfte für dieses Ereignis in der Julius-Hirsch-Halle versammeln würden wie vor acht Jahren, als der Weg der damaligen Fünftklässler am Gymnasium begann, hätte noch vor Monaten keiner gedacht – und dennoch schließt sich am Freitag, den 24.07.2020, auf diese Weise der Kreis.

Bernhard Maier, stellvertretender Schulleiter, begrüßt die Gäste zur „denkwürdigen Veranstaltung, von der man vor acht Wochen noch nicht wusste, ob sie überhaupt stattfinden würde.“ Im Laufe dieser jedoch, da sind sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, sollen die Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht allzu viel Raum einnehmen, denn es ist der Tag der Abiturientinnen und Abiturienten. So stellt Frau Engelmann diese in den Mittelpunkt ihrer Rede und skizziert zunächst durch Anekdoten ihr Bild des jetzigen Abschlussjahrgangs: Wie die Schülerinnen und Schüler beim Spendenlauf an ihrem ersten Eine-Welt-Tag alle Erwartungen übertroffen und die Großeltern stolz, aber ein wenig ärmer gemacht haben, wie ein Schüler des Jahrgangs im Rahmen eines Unterrichtsbesuchs den geplanten Stundenverlauf des Referendars mit einer druckreifen Antwort auf den Kopf gestellt hat, wie eine Klasse überzeugend dafür gekämpft hat, um zusammenzubleiben – das alles verbindet die Schulleiterin mit den Absolventinnen und Absolventen. Auch spielt sie auf den Insider der Pizzakartons an, den sie jedoch nicht näher beleuchten will. Wissend lächelnde Gesichter sind zu sehen. Vor allem aber besteche der Jahrgang durch die Vielzahl engagierter Schülerinnen und Schüler, so Engelmann. „Es öffnet sich für euch das Tor für die Zukunft, in die Freiheit“, verkündet sie und fügt hinzu, dass es dieser Tage zwar gewagt sei, von Freiheit zu sprechen, aber ebendiese mit allen geltenden Einschränkungen deshalb nicht weniger bedeutsam für jeden Einzelnen und jede Einzelne sei. Nach einem rumänischen Sprichwort, das besagt, alles Schlechte würde zum Guten, spricht die Schulleiterin den Abiturientinnen und Abiturienten Mut zu und bestätigt dieses aus eigener Erfahrung: Vielleicht würde man Jahre später erkennen, welch guter Kern doch darin war, was sich genau aus der jetzigen Situation heraus entwickelt hat und anders eventuell nicht entstanden wäre. Den Abschluss ihrer Rede bilden gute Wünsche, die sie den Absolventinnen und Absolventen auf den Weg mitgibt.

Nun ist der Moment gekommen, auf den alle gewartet haben: Die Übergabe der Zeugnisse. Darüber, wie diese unter Einhaltung der geltenden Abstandsregeln wohl vonstattengehen würde, wurde im Vorfeld wild spekuliert. Das Gelächter der erfreuten Menge ist groß, als Frau Engelmann eine von Herrn Eckenfels gebastelte Pizzaschaufel zückt und damit auf den vormals angedeuteten Insider anspielt. Jede Abiturientin und jeder Abiturient darf dann das frisch gebackene Abiturzeugnis von der Schaufel entgegennehmen, während einmalige Erinnerungsbilder entstehen.

Der Applaus ebbt allmählich ab und der Blick fällt auf einen reich gedeckten Gabentisch. Der Jahrgang besticht nicht nur mit einer Vielzahl engagierter Schülerinnen und Schüler, sondern auch mit zahlreichen Preisträgerinnen und Preisträgern, von denen hier nur einige genannt werden: Den Pfinztalpreis für das beste Abitur, das Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, ein Online-Stipendium von e-fellows sowie den Norbert-Keller-Preis für hervorragende Leistungen im Fach Biologie erhält Pia Steveling. Emma Willimski darf sich sowohl über die Auszeichnung durch den Scheffelpreis als auch über den Otto-Dix-Preis für ihre Leistungen in den Fächern Deutsch und Bildende Kunst freuen. Teresa Bessler erhält den Preis des Vereins Deutsche Sprache für das beste Deutschabitur, Junia Schelhorn die Schnabel-Medaille und einen Preis für ausgezeichnete Leistungen in den Fächern Geschichte und Ethik. Der Preis der Deutschen Mathematiker Vereinigung geht an Emilie Tröll, während Paul Möller den Buchpreis der Deutschen physikalischen Gesellschaft erhält. Christoph Schorb, Jarik Barth, Andreas Bischoff und Emilie Tröll werden zudem mit einer Mitgliedschaft in letztgenannter Gesellschaft geehrt. Das Ludwig-Marum-Gymnasium wäre nicht das, was es ist, würde neben fachlicher Leistung nicht auch das Engagement der Schülerinnen und Schüler belohnt werden. So erhalten Charlotte Green und Lara König den Sozialpreis der Schule.

Die Ehre, die Abiturrede halten zu dürfen, gebührt in diesem Jahr Emma Willimski, die zunächst ausgehend von der Floskel „für’s Leben lernen“ unter anderem den Mehrwert der Mitternachtsformel in Frage stellt und damit vielen aus der Seele zu sprechen scheint. Humorvoll weist sie darauf hin, welche Vermeidungsstrategien und Täuschungskünste sie alle während der Schulzeit erlernt haben und erlernen mussten. Dann jedoch stellt sie den Zusammenhalt der Gruppe heraus, der sich gerade in dieser aktuell schweren Zeit gezeigt hätte, und dessen Überdauern sie sich auch über die Schule hinaus für alle wünscht. Ihr Dank gilt auch insbesondere den Lehrkräften, die die Schülerinnen und Schüler begleitet haben, die die Entwicklung eines Gespürs für Moral, Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie geprägt und vorangetrieben haben.

Tosender Applaus bricht in der Halle aus. Die Stufensprecherin Lara König formuliert ebenfalls ein paar schöne Gedanken für ihren Jahrgang und hält fest: „Wir haben uns und unsere Geschichten immer im Gepäck, an jeder Station, die noch kommt.“ Erneut ist die Halle erfüllt von anerkennendem und zustimmendem Beifall.

Zum Schluss erhalten die Anwesenden mittels einem von Olivia Becker erstellten Film einen kleinen Einblick in den Schüleralltag seit der Schulschließung im März, der stellenweise nachdenklich stimmt, größtenteils jedoch für Erheiterung sorgt.

Nach dieser gelungenen Zeugnisübergabe der etwas anderen Art strömen die Abiturientinnen und Abiturienten durch das Tor hinaus in die Freiheit, wo, verteilt auf dem Schulhof stehend, ein Abschlussfoto geschossen wird. Ob man will, oder nicht: Dieses Foto wird neben den anderen im Schulhaus hängenden aus dem Rahmen fallen. Aber es zeugt von einem besonderen Abschlussjahr eines ganz besonderen Jahrgangs.

 

Sylvia Müller

 

31.07.2020, 19.00 Uhr