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Verleihung des Ludwig-Marum-Preises

Vom Wert der Zivilcourage

Wussten Sie eigentlich, dass Begriffe wie „behindert“, „du Spast“, „du Opfer“ oder gar „du Jude“ derzeit zu den am häufigsten gebrauchten Schimpfwörtern auf deutschen Schulhöfen gehören?

Auf diese schockierende Tatsache wies die Historikerin Dr. Andrea Hoffend am vergangenen Donnerstag in ihrer Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hin. Im vollbesetzten Selmnitzsaal in Berghausen machte die Ehefrau des Karlsruher Oberbürgermeisters damit erschreckend deutlich, dass die Beschäftigung mit der NS-Zeit noch lange nicht den gewünschten nachhaltigen Lerneffekt für die Gegenwart gebracht hat. Noch immer würden mancherorts Neonazi-Aufmärsche als kuriose folkloristische Veranstaltungen verharmlost, noch immer sei couragiertes Einschreiten gegen rechtsextreme Äußerungen nicht selbstverständlich, so Dr. Hoffend. Mit den Worten des Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“, warnte sie eindringlich vor dem Wegschauen bzw. Weghören.

Um durch das aktive Erinnern an die Vergangenheit Zivilcourage in der Gegenwart zu fördern, sei es wichtig, die Zeit des Nationalsozialismus nicht nur unter dem Aspekt des Terrors und der Opfer zu beleuchten, sondern weitaus mehr als bisher den mutigen Einsatz vor allem der frühen NS-Gegner wie etwa Ludwig Marum als Beispiel gebend für die Gegenwart ins Blickfeld zu rücken. Die Werte, für die diese Menschen gestanden haben, für die heutige Demokratie-Erziehung fruchtbar zu machen, ist auch eines der Ziele des Vereins LernOrt Zivilcourage e.V., dessen Vorsitzende Dr. Andrea Hoffend ist. Zu Reit plant der Verein, einen Lernort am ehemaligen KZ Kislau einzurichten, dem Ort, an dem Ludwig Marum 1934 ermordet wurde.

Mit einem besonderen Beispiel für Zivilcourage während der NS-Zeit haben sich fünf Schülerinnen und Schüler des Markgrafen-Gymnasiums Durlach beschäftigt, wofür sie auf der Veranstaltung mit dem Preis der Ludwig-Marum-Stiftung ausgezeichnet wurden. Sie haben die Biografie des Karlsruher Juristen und NS-Gegners Gerhard Caemmerer recherchiert, der einen Widerstandskreis um sich scharte und mehreren Karlsruher Juden das Leben rettete, indem er ihnen zunächst in seinem Haus, später in einer Gartenhütte am Turmberg Unterschlupf bot.

StD Herbert Siebach, der Geschichtslehrer, der die Seminararbeit der Abiturienten betreute, überließ den Jugendlichen nach kurzer Laudatio das Forum, um die Biografie selbst vorzustellen. So boten Clara Hertz, Stefan Nüesch, Julian Reitermann, Johanna Scheib und Nadine Wühl einen spannenden Einblick in das Leben einer schillernden Persönlichkeit, die sich, wohl wissend um die Gefahr für das eigene Leben, nicht von der Rassenwahn-Indoktrination ihrer Zeit vereinnahmen ließ. Dabei war den Markgrafen-Gymnasiasten deutlich anzumerken, mit welchem Engagement sie bei ihrer Spurensuche vorgingen und wie fasziniert sie besonders von der Begegnung mit Gerhard Caemmerers Tochter waren, die als Zeitzeugin wertvolle Informationen für die Arbeit beitragen konnte.

Bei der Veranstaltung, die vom Streichorchester des LMG unter der Leitung von Harriet Fischer mit walisischen, schottischen und spanischen Volksweisen umrahmt wurde, ging es zudem eine Anerkennung an die letztjährige Klasse 7a des Ludwig-Marum-Gymnasiums für die erfolgreiche Inklusion eines Mitschülers mit Asperger-Autismus. Die Schülerinnen und Schüler sowie seine Schulbegleiterin haben seit der Klasse 5 ganz wesentlich dazu beigetragen, dass der Junge trotz seiner Einschränkungen erfolgreich am Schulalltag teilnehmen kann und sehr gut in die Klassengemeinschaft integriert ist.

Andrée Fischer-Marum, die bereits mehr als ein Dutzend Mal zu den Preisverleihungen aus Berlin angereist ist, bedankte sich in ihrer Ansprache besonders dafür, dass die SMV in der vergangenen Woche mit Präsentationen in allen Mittelstufenklassen des LMG den Schülerinnen und Schülern das Leben Ludwig Marums näher gebracht hat.
C.Vierthaler



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